Meine Coming-out Story: Wie die Scham mein Leben kontrollierte
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Meine Coming-out Story: Wie die Scham mein Leben kontrollierte

Ein Coming-out ist keine einmalige Offenbarung der eigenen sexuellen Präferenz. Ich habe 2014 zum ersten Mal Menschen aus meinem nächsten Umfeld erzählt, dass ich schwul bin. Vorangegangen ist ein langer, für mich sehr schmerzhafter Prozess, bei dem ich mir meiner Homosexualität bewusst geworden bin und gelernt habe diese zu akzeptieren. Dieser Prozess ist heute nicht abgeschlossen. Es bleibt eine immer wiederkehrende Auseinandersetzung mit mir selbst und der Akzeptanz meiner Sexualität durch die Gesellschaft. Ich möchte in diesem Beitrag anderen die Möglichkeit geben nachzuvollziehen, was da in meinem Leben bisher abgegangen ist. Angetrieben bin ich aber auch von einer Wut, die nicht zuletzt daher rührt, dass ich auf die Frage, weshalb die Diskriminierung sexueller Minderheiten weiterhin besteht, kaum eine angenehme Antwort finde.

Mir war nicht bereits in jungen Jahren bewusst, dass ich schwul war. Ich entsprach zwar nie dem Stereotypen des «rowdyhaften» Jungen, diese Rolle fiel meinem Zwillingsbruder zu. Ich war eher von der zarteren Natur, habe mit Puppen gespielt, mochte rosa, habe viel gezeichnet und gemalt. Als dieses Wort noch kaum eine ernsthafte Bedeutung haben konnte, hatte ich auch immer wiedermal eine «Freundin» und auch später war ich ab und an in eine Frau verliebt. Es hat allerdings bis zu meinem Austauschsemester in Bologna gedauert, bis ich begriff, dass dieses Verliebtsein rein platonischer Natur war. Allein die Vorstellung mit einer Frau Sex zu haben, jagte mir nämlich Angst ein. Dieses Gefühl habe ich für mich jeweils so rationalisiert, dass ich Angst hätte, sexuell nicht den Erwartungen einer Partnerin zu entsprechen oder Sex einfach nicht zu meinen primären Interessen gehörte. Mit der Strategie alternativer Erklärungen für meine Sexlosigkeit, habe ich immer versucht die offensichtlichste Erklärung unter Verschluss zu halten. Dabei wollte ich lediglich um keinen Preis herausfinden, was ich nicht wissen wollte. Ich wollte durch eine sexuelle Begegnung mit einer Frau nicht herausfinden, dass ich schwul bin, weil ich diese Tatsache damals nicht akzeptieren konnte.

Es brauchte dann die schicksalhafte Begegnung mit einer äusserst sympathischen und ziemlich offensiven Brasilianerin, um meine grösste Angst zu bestätigen. Wer weiss, ob ich es sonst jemals geschafft hätte, diese Hürde zu überspringen. Nachdem es – wie zu erwarten –  nicht geklappt hatte mit dem Sex und sie mir im Nachhinein erzählte, sie sei bisexuell und hätte bisher öfters Beziehungen mit Frauen gehabt, empfand ich dies als einen Wink mit dem Zaunpfahl. Ich musste mich nun endlich mit meiner sexuellen Orientierung auseinandersetzen. Nachdem ich Bologna am Ende meines Austauschsemesters verlassen hatte, war ich mehrere Wochen in Süditalien unterwegs. Ich war drei Wochen auf einem Bauernhof in Apulien, der von zwei Lesben geführt wurde. Die Hemmschwelle war allerdings noch zu gross, um über das zu reden, was in mir vorging. Ich hatte die Idee, dass diese Reise für mich eine Art Katharsis darstellen würde, und ich am Ziel meiner Reise bereit wäre, jemanden zu treffen. Genau so geschah es denn auch und ich begegnete in Palermo einem Mann. Ich war aufgeregt, aber zum ersten Mal in meinem Leben fühlte sich eine solche Begegnung richtig an, frei von jeglicher Angst.

Die eigene Akzeptanz war für mich der schwierigste Schritt. Allerdings war das Einweihen meines näheren und weiteren Umfelds eine weitere Hürde, die ich mir einiges leichter vorgestellt hatte. Heute bin ich an einem Punkt, wo ich mir rückblickend die Frage stelle, weshalb das Ganze für mich so schwierig war.

Was dich beschreibt, ist gleichzeitig ein Fluchwort

Ein wichtiger Grund hat mit meinem nächsten Umfeld zu tun. Das Muster zur Problembewältigung in meiner Familie lautete Vermeidung. Wir haben stets über Probleme gesprochen, solange es nicht um etwas Intimes oder Schmerzhaftes ging. Heute glaube ich, dass dieses Muster mit den tragischen Verlusten zu tun hat, die meine Mutter und mein Vater in ihrer Jugend erleiden mussten. Wahrscheinlich hatten sie von ihren Eltern auch nichts anderes gelernt als Vermeidung und meine Eltern hatten wohl die gute Absicht, mich und meine Brüder vor dem Schmerz zu schützen, den sie mit diesen Erinnerungen verbanden. Über Schmerz nicht zu sprechen, lässt ihn allerdings nicht verschwinden, es macht ihn einerseits zur omnipräsenten «verbotenen Frucht», andererseits enorm schwer einzuordnen. Obwohl ich wusste, dass meine Eltern enorm tolerante Menschen sind, hatte ich grosse Angst, mich vor ihnen zu outen. Da wir nicht über Intimes sprachen, war ich überzeugt, dass sie nicht in der Lage wären angemessen darauf zu reagieren, wenn ich mein intimstes Geheimnis vor ihnen ausbreiten würde. Glücklicherweise lag ich falsch und beide hätten mich kaum besser unterstützen können mit den Gefühlen, die sie damals in Worte fassten. Das Eis war gebrochen und ich glaube, es war das erste Mal, dass meine Eltern mir sagten, dass sie mich lieben.

Abgesehen von diesem schwierigen Verhaltensmuster in meinem nächsten Umfeld, hat sicher nicht geholfen, dass mir immer zu verstehen gegeben wurde, dass schwul sein nicht einfach ok ist. Ich bin in einem kleinen Dorf aufgewachsen und um dieses Gefühl vermittelt zu bekommen reichte bereits das Gerede und die Verurteilungen hinter vorgehaltener Hand über einen meiner Lehrer, von dem damals vermutet wurde, dass er schwul ist. Auch vermeintlich witzige Aussagen wie «Zum Glück bin ich nicht schwul» fühlten sich wie ein Stich in den Bauch an, aber Witze soll man ja nicht ernst nehmen. Unmissverständlich zu spüren, welche Stellung schwulen Männern in der Gesellschaft zukam, bekam ich jedoch immer, wenn schwul als Fluchwort benutzt wurde. Ich verstand allmählich, dass dies mit Machtstrukturen in unserer Gesellschaft zu tun hatte, denn es besteht schlicht kein Fluchwort, das gleichzeitig als Beschreibung für einen heterosexuellen Mann dient.

Aus Fremdkontrolle wird Selbstkontrolle

Machtstrukturen funktionieren so, dass Personen oder Gruppen, die über mehr Macht verfügen, einen hohen Grad an Kontrolle über diejenigen ausüben können, die über weniger Macht verfügen. Bei der sexuellen Orientierung läuft diese Kontrolle über eine Stigmatisierung dessen, was nicht der heterosexuellen «Norm» entspricht. Es wird eine Kluft geschaffen zwischen dem, was eine Person sein soll und ihrer tatsächlichen Identität. Diese Kluft allein erklärt allerdings noch nicht, wie sich die abweichende Gruppe derart stark kontrollieren lässt. Dazu muss die ganze Sache mit Schamgefühlen aufgeladen werden. Wer von der heterosexuellen Norm abweicht, soll sich so sehr schämen, dass er dadurch klein gemacht wird.

Scham lähmt einen Menschen und sorgt für eine Art innere Abschottung. Wer sich wirklich schämt, versucht das, wofür sie oder er sich schämt, in der Regel zu verbergen. Zu diesem Versteckspiel gehörte in meinem Fall eine Kontrolle über die eigenen Bewegungen, die Sprache, das Zeigen von Emotionen, die Kleidung, wen ich auf der Strasse eines Blicks würdigte – bestimmt kein Mann, den ich attraktiv fand. Unter Männern ist es ungeheuer anstrengend alles zu vermeiden, was «schwul» sein könnte. Die Fremdkontrolle durch Normen, Stigma und Scham wird zur zerstörerischen Selbstkontrolle. Zerstörerisch deshalb, weil ich nichts daran ändern konnte wer ich war, gleichzeitig aber auch nicht meine Wahrheit leben konnte. Dieser innere Konflikt hatte zur Folge, dass ich zutiefst unzufrieden war. Meiner Unzufriedenheit glaubte ich durch ein ständiges Streben zur Verbesserung meiner selbst begegnen zu können. Es war ein Raubbau an meinem Körper, da ich mir nichts gönnte. Weil ich mich selbst nicht mochte, begleitete mich auch das ständige Misstrauen, dass selbst enge Freund*innen mich nicht so mochten, wie ich war.

Ausbrechen aus alten Mustern

Das Muster von Homosexualität und Scham zurückzuweisen war alles andere als einfach. Mir war schmerzlich bewusst, dass meine Zurückweisung das gesellschaftliche Muster nicht auflösen würde, sondern auch zu einer Zurückweisung mir gegenüber führen konnte. Siri Hustvedt – einer brillanten amerikanischen Schriftstellerin – habe ich die Einsicht zu verdanken, dass wir unsere Welt nicht einfach wahrnehmen wie sie ist, sondern basierend auf Mustern aus der Vergangenheit aktiv konstruieren. Diese Muster sind uns so vertraut geworden, dass wir sie gar nicht mehr als Konstruktion wahrnehmen. So wird verständlich, weshalb sie fortbestehen und weshalb es so schwierig ist, sie zu durchbrechen. Nicht nur Scham und Sexualität, auch Männlichkeit und Stärke wirken sich als Muster äusserst ungünstig auf die Emanzipation sexueller Minderheiten aus. Ich werde das in einem späteren Beitrag einmal ausführen.

So schwer es auch war, meine innere Hürde der Scham zu überwinden, will ich mir heute gar nicht vorstellen wie mein Leben aussähe, wenn ich den Sprung nicht gewagt hätte. Ich hätte wahrscheinlich immer noch Bauchkrämpfe, sobald das Thema Sex zur Sprache kommen würde. Unter den vielen positiven Reaktionen auf mein Coming-out sind zudem einige, die mich noch heute zum Schmunzeln bringen. Viele meiner Beziehungen – insbesondere die zu meinen Eltern – haben sich enorm verbessert. Durch das Abstreifen meiner Angst wurde ich auch mein Kontrollbedürfnis los und konnte freier auf die Menschen in meinem Umfeld zugehen. Abgesehen davon hat es in zahlreichen Beziehungen eine Türe geöffnet, die es meinem Gegenüber ermöglichte über die eigenen Tabuthemen in Bezug auf Sexualität zu reden. Die Scham klebt an der Sexualität und für das Abendland unterstelle ich jetzt einfach mal, dass die Geschichte von Eva, Adam und seiner Schlange ganze Arbeit geleistet hat. Vielleicht sollten auch alle Heteros ein Coming-out machen, sich von ihrer Scham häuten und die Lücke durch öffentlich zur Schau getragene «Pride» ersetzen. Allen, die den Versuch wagen, wünsche ich viel Erfolg und der Community eine bunte Pride 2019.

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