Leaky Gut Teil 1: Shit happens
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Leaky Gut Teil 1: Shit happens

Es gibt Angenehmeres als über Darmprobleme zu schreiben. Ich tue es trotzdem, weil ich auf eine Erkrankung aufmerksam machen möchte, die mir das Leben lange Zeit massiv erschwert hat. Das diffuse Bild an Symptomen von Akne bis zur Depression lässt selten auf ein «Leaky Gut Syndrom» schliessen. Viele Betroffene wissen daher nicht, woher ihre Probleme rühren. Hinzu kommt, dass die Schulmedizin die Erkrankung stiefmütterlich behandelt. Sie trägt Ihres dazu bei, das Leben Betroffener unnötig zu erschweren. Vielen bleibt deshalb nichts anderes übrig als sich zu informieren und selbst zu helfen.

Fast seit ich denken kann, habe ich Probleme mit meiner Verdauung. Als Kind habe ich irgendwann aufgehört Pasta zu essen, weil mir davon schlecht wurde – natürlich habe ich für Lasagne jeweils eine Ausnahme gemacht. Als Jugendlicher hatte ich vor stressigen Prüfungssituationen Durchfall oder Blähungen. Der Stress hatte mir regelrecht auf den Darm geschlagen. Einmal musste ich im Unterricht so lange und so laut pupsen, dass irgendwann nur noch das Gelächter meiner Mitschüler*innen zu hören war. Hätte es damals schon Smartphones gegeben, wäre ich wahrscheinlich für mein ganzes Leben traumatisiert gewesen.

Vor rund zehn Jahren haben sich meine Darmprobleme dann derart verschlimmert, dass sich Verstopfung und Durchfall permanent abwechselten. Wenn ich ass, hatte ich stets Blähungen. Ich hatte wenig Energie und kaum erholsamen Schlaf. Ständig war ich krank, ich litt unter Pfeiffer’schem Drüsenfieber und wurde auch von anderen Herpesviren nicht in Ruhe gelassen. Meine Blutwerte wiesen jedoch nicht auf eine Darmentzündung hin und meine depressive Stimmung wurde nicht als ein Symptom eines tieferliegenden körperlichen Problems gedeutet.

Schnell war die Rede von einem Reizdarm. Beim Reizdarm wird davon ausgegangen, dass aufgrund psychischer Einflussfaktoren lediglich die Funktion des Darms beeinträchtigt ist. Für mich war es das Abstellgleis unter den medizinischen Diagnosen, denn ich ahnte, dass mein Darm gereizt war, wenn er mit Verstopfung und Durchfall auf sich aufmerksam machte. Die Diagnose Reizdarm lieferte mir jedoch kaum Hinweise auf die Ursachen für meine Beschwerden, ebenso wenig auf mögliche Therapien. Nach einer langen Odysee von einem Therapeuten zum nächsten gelangte ich an eine Ärztin, die bei mir ein «Leaky Gut Syndrom» diagnostizierte.

Was ist ein Leaky Gut Syndrom?

«Leaky Gut» heisst übersetzt so viel wie durchlässiger oder löchriger Darm, alternativ auch «Intestinal Permeability». Der Begriff löchrig bringt besser auf den Punkt, dass eine Schädigung der Darmwand das wahre Problem ist, denn eine der wichtigsten Funktionen des Darms ist eben genau, durchlässig zu sein, damit Nährstoffe aus der verdauten Nahrung ins Blut gelangen können. Diese Durchlässigkeit geschieht in der Darmwand über eine Art Türsteher namens «tight junctions». Sie halten die einlagige Zellschicht der Darmwand zusammen und sorgen dafür, dass wichtige Nährstoffe, jedoch keine Giftstoffe, Bakterien oder unverdauten Nahrungspartikel die Darmwand passieren und ins Blut gelangen.

Der Körper kann die Durchlässigkeit der Darmwand erhöhen, wenn er mehr Energie benötigt. Problematisch wird es allerdings, wenn dieser Zustand lange anhält und die Durchlässigkeit dauerhaft erhöht ist. Der Körper setzt sich nun gegen die ungewollt ins Blut eindringenden Bakterien zur Wehr. Ist die Struktur dieser Fremdstoffe körpereigenem Gewebe zum Verwechseln ähnlich, kann es auch zu Autoimmunerkrankungen kommen. Die erhöhte Durchlässigkeit führt aber in erster Linie zu einer Entzündung der Darmwand, wobei Ursache und Wirkung hier nicht so klar zu trennen sind. Es kann nämlich auch sein, dass zuerst eine Entzündung vorliegt und der Darm deswegen löchrig wird.

Ist die Entzündung jedoch mal da, setzt sie einen Teufelskreis in Gang. Die Entzündung erhöht nämlich die Löchrigkeit der Darmwand und verstärkt sich dadurch selber. Die Entzündungen beschränken sich in der Folge nicht auf die Darmwand, sondern können überall im Körper auftreten. Die Symptome des Leaky Guts sind deshalb enorm diffus und reichen von Verstopfung, Durchfall, Blähungen über Zahnfleischbluten, Ekzeme, Akne, Konzentrationsprobleme, Schlafprobleme und Sodbrennen bis zu Abgeschlagenheit, chronischer Erschöpfung, Fatigue-Syndrom und Depressionen.

Depression, Stress und das Darmhirn

Auf sein Bauchgefühl zu hören ist ein Ratschlag, der immer mehr wissenschaftliche Bestätigung erhält. Das Nerven-Netzwerk unseres Darms ist so komplex und vielfältig, dass vom Darmhirn die Rede ist. Unser Bauchgefühl hat deshalb unbestritten einen Einfluss auf unser Wohlbefinden. In Experimenten mit Mäusen konnte gezeigt werden, dass ein Bakterium, das den Darm pflegt, die Mäuse motivierter schwimmen liess, sie schnitten in Gedächtnis- und Lerntests besser ab und in ihrem Blut fanden sich weniger Stresshormone. Ähnlich wie der Zusammenhang zwischen Entzündung und Leaky Gut ist jedoch auch der Zusammenhang zwischen Darmflora und Gefühlslage keinesfalls eine Einbahnstrasse.

Beim Fall mit den Mäusen scheint eine aufgepimpte Darmflora das Stressbefinden zu vermindern (eine somato-psychische Reaktion). Forscher*innen gehen aber ebenso davon aus, dass Stress für eine Verschlechterung der Darmflora verantwortlich ist (Diese Reaktion ist psycho-somatisch – die Psyche beeinflusst den Körper). In einer Stresssituation benötigt der Körper mehr Energie, die in erster Linie der Darm einsparen muss. Er spart bei der Verdauung, vermindert die eigene Durchblutung und produziert weniger Schleimstoffe. Hält der Stress länger an, vermehren sich unter den veränderten Lebensbedingungen im Darm die schädlichen Bakterien.

Eine weitere Hypothese lautet, dass Stress die Durchlässigkeit der Darmwand erhöht, damit der Körper schneller an die dringend benötigte Energie kommt. Mit der erhöhten Durchlässigkeit der Darmwand können so innerhalb kurzer Zeit mehr Nährstoffe ins Blut aufgenommen werden und der Körper verschafft sich die notwendige Energie. Besteht dieser Stresszustand über längere Zeit fort, kann es jedoch zu Entzündungen kommen und das Leaky Gut nimmt seinen Lauf.

Die Entzündung ist auch der Schlüssel, um den Zusammenhang zwischen Leaky Gut und Depression zu erklären. Entzündungen werden vor allem durch Bakterien verursacht. Wenn sie ins Blut gelangen, setzen sie eine giftige Substanz namens Endotoxin frei, auf welche das Immunsystem mit Zytokin und Lippopolysacchariden (LPS) reagiert. Es gibt immer mehr Hinweise, dass diese zwei Stoffe Depressionen auslösen können. Vereinzelt wird sogar geraten alle Patient*innen mit Depressionen auf Leaky Gut zu testen.

Mir hat dieses Wissen um die körperlichen Ursachen starker Stimmungsschwankungen jeweils geholfen, das Grübeln nach dem Warum und Wieso einzustellen. Damit möchte ich nicht sagen, dass man sich nicht um die psychologischen Baustellen kümmern soll. Mein Punkt ist, dass die Reduzierung der ganzen Problematik auf die Psyche (Stichwort Reizdarm) vereinfacht ist und der Komplexität von Darmproblemen, für die sich keine andere medizinische Erklärung finden lässt, selten gerecht wird.

Die Ursachen bekämpfen

Der Mix an Symptomen, die meist somatischer (den Körper betreffend) als auch psychischer Natur sind, macht es nicht leicht, den toxischen Cocktail als «Leaky Gut Syndrom» zu erkennen. Oft werden deshalb einfach die Symptome bekämpft, die Abgeschlagenheit, die Verdauungsstörungen, ein Medikament für die Hautunreinheiten und für die Depression usw. Wichtig scheint mir, sich zu vergegenwärtigen, was der Begriff «Syndrom» bedeutet. Laut Wahrig handelt es sich dabei um ein «Zusammentreffen einzelner, für sich allein uncharakteristischer Symptome zu einem kennzeichnenden Krankheitsbild». Das Zusammensetzen der einzelnen Puzzleteile ist deshalb unabdingbar für die Vermutung, dass es sich bei den diffusen Symptomen um ein Leaky Gut handeln könnte.

Anders als zum Beispiel bei einem Virus ist es auch nicht möglich das Ganze mit einem Medikament aus der Welt zu schaffen. Es ist ein Krankheitsbild, welches zuallererst eine sorgfältige Analyse der tieferliegenden Ursachen verlangt. In meinem Fall war diese Liste lang:

1. Meine Darmflora war aus dem Gleichgewicht geraten – das nennt sich Dysbiose. Die schlechten Darmbakterien waren zu stark und haben verhindert, dass die guten Darmbakterien ihren Teil dazu beitrugen, die Barrierefunktion der Darmwand zu unterstützen und keine unerwünschten Gäste ins Blut vordringen zu lassen. Die Dysbiose erklärte auch meine hohe Anfälligkeit für Infekte, da sie zu einer Schwächung des Immunsystems führte.

2. Meine Ernährung war zum Schreien. Am Gymnasium konnte ich gut und gerne über Mittag einen Sack Pommes Chips und ein Stück Kuchen verdrücken. Auch danach beinhaltete meine Ernährung zu viele raffinierte Kohlenhydrate und zu viel Zucker, ich trank für meine Verhältnisse übermässig Alkohol und konsumierte eine Unmenge an Produkten, die reich an Omega-6-Fettsäuren waren. Ein Mix, der Entzündungen beschleunigt und die schlechten Darmbakterien ernährt.

3. Nahrungsmittel-Intoleranzen: Es stellte sich heraus, dass ich gegen zahlreiche Nahrungsmittel intolerant war. Wenn ich diese ass, verstärkten sie meine Entzündungen.

4. Ich hatte Anteile an Schwermetallen in meinem Körper – namentlich Quecksilber und Zink – die höher waren als die ausgegebenen Höchstwerte. Schwermetalle richten immensen Schaden an. Sie stören unter anderem die Entgiftung und verändern Enzymfunktionen.

5. Ich war von Stress geplagt. Das ganze Vorspiel zu meinem Coming-out und auch ein gutes Stück darüber hinaus, war für mich ein Stressfaktor sondergleichen. Wie ich schon beschrieben habe, erhöht permanenter Stress die Durchlässigkeit der Darmwand und kann dadurch Entzündungen in Gang setzen.

6. Ich war Raucher. Durch Rauchen entstehen freie Radikale. In zu grosser Menge können sie die Durchlässigkeit der Darmwand verstärken. Auch wenn ich nie wirklich viel geraucht habe, hat die tägliche Gewohnheit das Fass zum Überlaufen gebracht.

Neben weiteren Ursachen wird auch immer wieder auf die schädigende Wirkung von Schmerzmitteln und Antibiotika hingewiesen. Antibiotika schädigen nämlich nicht nur die Darmbakterien, die man bekämpfen möchte, sondern ziehen die ganze Darmflora in Mitleidenschaft.

Zum eigenen Coach werden

Auf meiner persönlichen Odysee zurück zur Gesundheit habe ich mich zahlreichen Tests unterzogen und teilweise auch fragwürdigen Therapien ausgesetzt. Da das «Leaky Gut Syndrom» nicht als Erkrankung anerkannt wird, wurden die Kosten der meisten Tests und Therapien nicht von meiner Krankenkasse bezahlt. Die schwierige Wechselwirkung zwischen psychischen und somatischen Symptomen führte nicht zuletzt auch dazu, dass mein Umfeld schwer einschätzen konnte, was bei mir genau abging. Ich selber wusste es zuzeiten auch nicht.

Allzu oft wurden meine Probleme von Ärzt*innen auf die Psyche reduziert und ich fühlte mich mit meinem Beschwerden selten ernst genommen. Ich möchte allerdings nicht mit dem Finger auf alle Ärzt*innen zeigen. Der Darm wurde als Organ zu lange vernachlässigt und in vielerlei Hinsicht wissen wir einfach noch zu wenig. Ausserdem wäre ich ohne die Hilfe einiger Ärzt*innen, die sich mit Leaky Gut auseinandersetzen, oder bereit waren aufmerksam zuzuhören, kaum weitergekommen. Nicht zuletzt habe ich dank einer Ärztin auch gelernt, mein eigener Coach zu sein, mich zu informieren, Fragen zu stellen und entsprechend zu handeln. Wie dieser Weg vom Saulus zum Judas unter den Ernährungsaposteln verlaufen ist und welche Puzzleteile weiterhin fehlen, berichte ich in einem zweiten Teil.

P.S.: Ich bin kein Mediziner und erhebe in diesem Beitrag nicht den Anspruch wissenschaftlicher Korrektheit. Die Informationen habe ich aus folgenden Quellen zusammengetragen und versucht akkurat wiederzugeben:

Quellen

 

Giulia Enders: Darm mit Charme. Alles über ein unterschätztes Organ. Ullstein.

Sigrid Nesterenko: Leaky Gut. Der durchlässige Darm. Rainer Bloch Verlag.

Dirk Schweigler: Leaky Gut. Den durchlässigen Darm heilen. Books on Demand.

Maria Cross: Heal Your Gut, Heal Your Mind. Depression can start with a leaky gut – here’s how to make it end there: https://medium.com/better-humans/heal-your-gut-heal-your-mind-fbef62fd61e5 (19.08.2020)

Michael Maes, Marta Kubera, Jean-Claude Leunis: «The gut-brain barrier in major depression.» In Neuro Endocrinology Letters: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/18283240/ (19.08.2020).

Carina Rehberg: Leaky Gut Syndrom – Der undichte Darm. https://www.zentrum-der-gesundheit.de/leaky-gut-syndrom.html (22.08.2020).

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